Die Grundbegriffe der Individualpsychologie
Der Mensch ist eine soziales Wesen
Die Individualpsychologie meint, dass Menschen zu Menschen gehören, d.h. dass Menschen ihre Bedeutung in den sozialen Beziehungen zu anderen Menschen gewinnen, dass gute soziale Beziehungen glücklich machen. Gleichzeitig verbindet die Individualpsychologie mit dieser Aussage auch die Aufforderung, sich um gute soziale Beziehungen zu bemühen. Wir können Menschen nur gut verstehen, wenn wir sie u. a. innerhalb ihrer sozialen Beziehungen betrachten.
Lebensaufgaben
Die Individualpsychologie spricht von sozialen Lebensaufgaben und meint damit Aufgaben, um deren Entwicklung und Verbesserung wir uns lebenslang bemühen dürfen. Alfred Adler sprach von 3 sozialen Lebensaufgaben: Arbeit, Liebe und Gemeinschaft. Rudolf Dreikurs und Harold Mosak haben noch zwei persönliche Lebensaufgaben hinzugefügt: Umgang mit sich selbst und Kosmos, was die Beschäftigung mit philosophisch-religiösen Fragen beinhaltet.
Zugehörigkeitsgefühl
Menschen wollen sich zu anderen Menschen, Gruppen zugehörig fühlen. Wenn sich Menschen zugehörig fühlen, wollen sie auch beitragen. Das Gefühl der Zugehörigkeit im Menschen hängt wohl zum größten Teil von dem Respekt, der Achtung und dem Vertrauen ab, das er sich selbst und das andere ihm entgegenbringen.
Minderwertigkeitsgefühl und Geltungsstreben
Es scheint manchmal so, als ob Mensch sein heißt, sich minderwertig zu fühlen. Biologische und kosmische Minderwertigkeitsgefühle (gegenüber der Natur, den anderen Lebewesen, aber auch das Empfinden der Winzigkeit im Weltall) führten im Laufe der Entwicklung zum Zusammenschluss der Menschen, zu gegenseitiger Unterstützung und Hilfe, zu Religion und Philosophie, trugen also zu einer positiven Entwicklung bei. Das soziale Minderwertigkeitsgefühl (das Gefühl der Unterlegenheit gegenüber anderen Menschen) wird oft mit Geltungs- oder Machstreben kompensiert. Die Bewegung vom Minus zum Plus wie es Alfred Adler nennt, kann eine positive Entwicklung in Gang setzen. Das Ziel der Individualpsychologie ist aber eine Absage an das Machtstreben und die Entfaltung des Gemeinschaftsgefühls.
Ermutigung
Ermutigung ist der wirksamste Faktor in der psychologischen und pädagogischen Arbeit. Ermutigung bringt das natürliche Wachstumspotenzial des Menschen zur Entwicklung. Durch Ermutigung bauen wir uns selbst (Selbstermutigung) und andere auf und so ist Ermutigung die Grundlage für alle Erziehungs-, Wachstums- und Lernprozesse. Gegenseitige Ermutigung schafft ein Klima der Gleichwertigkeit. Ermutigte Menschen fühlen sich zugehörig und wollen beitragen.
Lebensstil
Die Individualpsychologie geht davon aus, dass sich ein Kind etwa in den ersten 7 – 8 Jahren seines Lebens Meinungen und Überzeugungen darüber bildet, was er für ein Mensch ist, wie die anderen Menschen sind, wie das Leben ist, wie die Welt und mit welchen Strategien er deshalb am besten leben sollte. Diese Meinungen und Überzeugungen sind normalerweise größtenteils nicht bewusst. Einige dieser Meinungen und Überzeugungen sorgen dafür, dass wir mit unserem Leben, mit anderen Menschen gut zurechtkommen. Aber leider gibt es in unserem Lebensstil auch Meinungen und Überzeugungen, die uns Probleme und Schwierigkeiten bereiten, da sie auf Irrtümern, Vorurteilen und Fehlinterpretationen beruhen.
Es gibt so viele Lebensstile, wie es Menschen gibt. Die Einzigartigkeit jedes Menschen beruht auch darauf, dass jeder Mensch seinen eigenen, unverwechselbaren Lebensstil hat.
Holismus
Die Individualpsychologie betrachtet den Menschen als eine Ganzheit, als eine Einheit, gleichgültig, in wie viele Teile wir sonst den Menschen gliedern. Diese Einteilung des Menschen, z.B. die psychoanalytische in ein „Ich“, ein „Es“, ein „Über-Ich“, oder andere Aufteilungen in Bewusstsein und Unbewusstes oder, entsprechend den Funktionen des Menschen, in Gedanken, Gefühle, Willen und Handlungen, ist als Arbeitsgrundlage manchmal sinnvoll, vielleicht manchmal nötig. Die Individualpsychologie sieht diese sich als Arbeitshypothese ergebende Teile nicht als selbständige Kräfte an.
Finalität
Die Individualpsychologie sieht den Menschen als ein zielgerichtetes bzw. zielorientiertes Wesen an und betrachtet alles, was der Mensch tut, vom Ziel her. Die Individualpsychologie schaut also nicht in erster Linie nach den Ursachen und Gründen, sondern nach den Zielen und ist deshalb auch schon Teleo-Analyse (griech. Teleologie = Lehre von der Zielstrebigkeit des Geschehens) genannt worden. Wir können das Verhalten eines Menschen nur dann verstehen, wenn wir seine Ziele kennen und verstehen. Die Wahl der Ziele ist subjektiv. Der Mensch als Entscheidungen treffendes Wesen kann diese Ziele verändern.
Gleichwertigkeit
Ein wichtiges Grundprinzip der Individualpsychologie ist die Gleichwertigkeit aller Menschen. Die soziale Gleichwertigkeit ist eine fortwährende Orientierung und Hauptforderung der Individualpsychologie in allen sozialen Beziehungen. Wenn Menschen sich zugehörig fühlen, erleben sie normalerweise den Zustand der Gleichwertigkeit.
Gemeinschaftsgefühl
Die Individualpsychologie ist eine wertorientierte Psychologie. Das Gemeinschaftsgefühl ist deshalb weniger ein Gefühl als vielmehr die Orientierung am Wohle des Ganzen. Ein Mensch mit Gemeinschaftsgefühl wird sich deshalb fragen, was erfordert die Sache, was kann ich beitragen, was ist zu tun zum Wohle des Ganzen, wobei das Ganze die gesamte menschliche Gemeinschaft, also die Menschheit, ja den ganzen Planeten umfasst. Das Ziel der individualpsychologischen Lebensanschauung ist ein verstärktes Gemeinschaftsgefühl.